Amok
Anläßlich eines der Amokläufe brachte Peter Sloterdijk den Physiker Robert Müller ins Spiel, der den ersten Satz der thermischen Konstanz der Energie mit Helmholz aufgestellt hat. Er sei selbst interniert gewesen und wisse also, wovon er rede, wenn sich auf das Gebiet der Psychologie begebe. Erwartungsgemäß vergleicht Müller diese mit der Physik. Ein Phänomen wie den Amoklauf betrachtet er entsprechend mit den Augen des Physikers. Wie bei einer Kettenreaktion kommt es nicht darauf an, wodurch sie ausgelöst wird. Es bedarf nur eines geringfügigen Auslösers, um das Ganze ins Rollen zu bringen. Es genügt ein Funke, um den Zepellin zu vernichten: Wasserstoff und Sauerstoff zur Explosion zu bringen. Wie die Kettenreaktion dann abläuft, verdient untersucht zu werden. In den Augen von Robert Müller und Leuten seines Schlages ist es entsprechend belanglos, aus welchem Grund jemand in Raserei verfällt. Beim Amoklauf genügt eine falsche Bewegung, eine falsche Beobachtung, eine minimale Kränkung, um das in Bewegung zu setzen, was sich über einen langen Zeitraum angestaut hat. Einmal in Gang gesetzt, gleicht der Amokläufer einer entgleisten Lokomotive in voller Fahrt. Er verhält sich wie ein Apparat, der sich in Gang gesetzt hat und nicht mehr abgestellt werden kann, bis sich seine Energie erschöpft hat oder er erschossen wurde. Ist die Raserei einmal in Gang gesetzt, muß sie bis zum Ende gehen.
Die Ansicht des Physikers trifft sich mit dem Common-sense. Auch ihm zufolge handelt sich beim Amoklauf um etwas, das sich verstehender Einfühlung entzieht. eine Deutung ist prinzipiell unmöglich. Es ist müßig, nach Ursachen suchen zu wollen. Man kann lediglich das, was bei einem Amoklauf geschieht, als etwas beschreiben, das einen typischen Verlauf nimmt, als eine dramatische Spannungskurve, die zum Höhepunkt drängt. Der Amoklauf entzieht sich einer Deutung wegen der Wahllosigkeit der Gewalt, der Beliebigkeit der Opfer - der Amokläufer wendet seine Gewalt gegen Menschen, die er nicht kennt; die potentiellen Opfer sind Passanten, unbeteiligte Zuschauer - und wegen der Mischung aus Bewußtlosigkeit und rationaler Planung. Der Amokläufer ist der Feind par excellence. Er kappt die Verbindung zwischen Intention und Verantwortung, zwischen Verbrechen und Schuld, zwischen Handeln und Verstehen.
Wenn man über den Amokläufer und seine Motive schon nichts sagen kann, dann vielleicht über die Opfer? Es trifft mich oder es trifft mich nicht. Ich kann mich dagegen nicht schützen. Wenn davon die Rede ist, daß das Risko, davon betroffen zu werden, soundsoviel Prozent beträgt, lebe ich in dem Glauben, das sei für andere relevant, nicht für mich selbst. Selbst wenn man sagte, 50% seien in der Regel betroffen, glaube ich noch, verhindern zu können, selbst betroffen zu sein, durch guten Umgang, Umsicht, Vorsicht, glücklichen Zufall. Real betroffen bin ich von der Erhöhung der Versicherunsbeiträge im Gefolge zunehmenden Terrorismus.
Da empfinde ich es als paradox und ungerecht, daß ausgerechnet der Aufenthalt in befriedeten Räumen, im Supermarkt oder in der Schule, in der Uni, im Ferienzentrum am gefährlichsten sein soll. Tatsächlich sind es gerade diese Lebensräume, in die plötzlich das Böse, der Schrecken hereinbrechen kann. Unsere Wirklichkeit zeigt sich aus der Perspektive des Risikos von einer anderen Seite, als sie es im Alltag tut. Neben die vertraute Wirklichkeit, in der wir uns geborgen fühlen, tritt eine andere der Absicherung und Risikosteuerung, des unvermittelt hervorbrechenden Gewaltpotentials, aus dessen Potenzialität der Amokläufer hervortritt. Der Amokläufer sorgt für eine gespenstische Verdoppelung unserer Wirklichkeit. Die Ruhe wird zur vermeintlichen Ruhe, die Friedlichkeit der Attagsroutinen birgt die Theatralik zukünftiger Schadensabwicklung. Die Ruhe tritt in ein umgekehrt proportionales Verhältnis zum Schrecken. Man staunt über die genaue Treffsicherheit des Amokläufers bei der extremen Beliebigkeit seiner Gewalt. Gerade wenn man sich am sichersten fühlt, passiert es.
Die Gefahr, in einen Amoklauf hineinzugeraten wird zum Symbol der Unberechenbarkeit der Gewalt, die mich persönlich treffen kann. Der Amoklauf wird zu einem Symbol der totalen Zufälligkeit dessen, was einem Individuum zustoßen kann, zum Symbol der radikalen Kontingenz der möglichen Schicksalschläge wie Arbeitslosigkeit, Scheitern der Ehe, Zerbrechen der Familie, Verlust des vermögens, Krankheit. Der Amokläufer wird zum Symbol der Ohnmacht als etwas, das unsere Existenz bestimmt, zum Symbol für alles, vor dem wir uns nicht schützen, auf das wir uns nicht vorbereiten können, was wir uns als Gefahr nicht eingestehen können, ohne eine unerträgliche narzißtische Kränkung davonzutragen. Daß uns der Amokläufer zum Symbol geworden ist und wir deshalb vor seinem spukhaften Auftauchen so erschrecken, das dürfen wir nicht zugeben. Sein Schrecken ist etwas, das wir ignorieren müssen, um nicht als krank zu gelten. Es sollte also als Mutprobe gewürdigt werden, sich darüber hinwegzusetzen und davon zu reden, daß man sich darüber wundert, daß sowas nicht viel häufiger geschieht. Statt alles nur mögliche in Bewegung zu setzen und alle verfügbaren begrifflichen Ressourcen aufzubieten, den Amokläufer fremd zu machen, müßten wir beginnen, uns in ihm wiederzuerkennen.
Donnerstag, 30. Dezember 2010