erpressbar
Ein Kommentar zur Präsidentschaftswahl in Frankreich aus Spanien (von dem Politikwissenschaftler Jose Ignazio Torreblanco von der staatlichen Fernuniversität Unet) hat es auf den Punkt gebracht: „Ich denke, der Schaden, den Merkel und Sarkozy angerichtet haben, ist, daß alles festgefahren war. Natürlich hat augenblicklich niemand die Lösung parat, aber endlich kann man zumindest wieder reden, diskutieren, Dinge ausprobieren und Fehler korrigieren. Bisher war alles dogmatisiert. Man rannte gegen die Wand an, wenn man sich zu Wort meldete. Das ist vorbei.“ Man kann nur hoffen, daß er recht behalten wird und daß dies auch in Deutschland Schule machen möge. Was nach der Wahl Hollandes deutlicher enn je hervortritt, ist der Umstand, daß der Neoliberalismus mit dem Totschlagargument der Alternativlosikeit arbeitet. Dies ist seine erste Überrumpelungs- und Lähmungsstrategie. Wenn man aber anfängt zu reden und Fragen zu stellen und über Alternativen nachzudenken, landet man immer sehr schnell in schwarz-weiß-Schachteln und in ideologisch verhärteten Kategorien, prallt an Reizwörtern wie Kommunismus und Verstaatlichung ab. Die Chance, von der Spanier spricht, liegt darin, alle diese präjudizierenden Verhärtungen nicht hinzunehmen, im Konsens zu lernen, ihnen zu entkommen. Ein Beispiel: Die Linke bei uns hat die besten Einsichten, stellt die besten Fragen und macht die besten Vorschläge. Der Beitrag Sarah Wagenknechts kürzlich in der FAZ war fast konkurrenzlos klug. Aber etwas wird immer übersehen. Daß bei uns die Linke so abschmiert und die SPD nicht aus dem Knick kommt, liegt daran, daß jeder potenzielle Linkswähler, dem es schlecht geht und der sich ungerecht behandelt und ausgenommen und betrogen fühlt, gleichzeitig was auf der Bank hat, und dieses spekulative Vermögen seine einzige Sicherheit und Hoffnung darstellt, weil er sich auf die Gemeinschaft nicht mehr verlassen kann. Junge Leute können nur noch Studien, wenn die Eltern was auf der Bank haben. Wer krank wird, muß eine private Zusatzversicherung haben, wenn er nicht im Krankenhaus verrecken will. Wer alt wird, muß viel Geld auf der Bank haben, wenn er nicht angeschnallt vergessen werden will. Bildung, Ausbildung und kompetente Hilfe bei Krankheit und Altwerden kosten immer mehr Geld und sind immer weniger für jeden zugänglich. Was die Linke begreifen lernen muß, ist, daß die Frontlinie nicht zwischen Lohnempfänger und Kapitalist oder Vermögendsein verläuft, sondern daß der potenzielle Wähler sowohl als Lohnempfänger betrogen wird als auch als Aktienhalter. Wenn ich durch betriebsbedingte Kündigung und brutalkapitalistische Schnöseligkeit der Fa Bertelsmann ins Elend geraten bin, wobei der Staat mit dem Abbau des Sozialstaates in Form alternativloser Reformen und dem Gesetz zur Scheinselbständigkeit kräftig nachgeholfen hat, dann bleibt meine einzige Hoffnung, daß von dem Geld, das meine Eltern auf die Bank getragen haben, trotz der Banken-Kriminalität, die dieses Vermögen um ein Drittel hat schrumpfen lassen, und trotz der Krallen des Staates, der mit Erbschaftssteuer und Vermögenssteuer nach diesem Sparguthaben greift, für mich und meine Kindern noch ein wenig übrig bleibt. Ich hab also ein vitales Interesse daran, daß die Banken nicht pleite gehen und gerettet werden, obwohl ich zugleich das für kompletten Wahnsinn halte, der auf Kosten der kleinen Leute geht. Mit meiner finanziell ohnmächtigen Situation, von allen Seiten in die Enge getrieben, bin ich in den Fiskalpakt von Mutti Merkel verstrickt und muß darauf hoffen, daß das Kaputtsparen in Griechenland und Portugal weitergeht. Ich bin erpressbar. Man kann mich politisch schizophren machen. Das Problem liegt da und muß man da suchen, wo man mich erpressbar gemacht hat. Indem man den Zugang zu Bildung, Gesundheit, Wohnung, Wohlergehen immer mehr davon abhängig gemacht hat, wieviel man verdient und damit von dem Zwang, Posten anzustreben, auf denen man mehr Geld bekommt, als man verdient und dies dann für verdient zu halten. Die Linie verläuft zwischen den Reichen, die immer reicher werden, und den Armen, die immer ärmer werden. ‚Arm’ heißt hier nicht nur, obdachlos sein und von Almosen und der Tafel zu leben, sondern im weiteren sinne nicht genug haben, um würdig leben zu können und Zugang zu allen Einrichtungen und Dienstleistungen zu haben und dafür momentan auf Bankvermögen auf eigenen Namen oder dem von Familienangehörigen und damit auf die Banken und den sie rettenmüssenden Staat und auf die damit verbundene Schröpfung der Armen und diesen ganzen heiß laufenden Geldumverteilungsmechanismus angewiesen zu sein. In der Privatisierung und Gentrifizierung der Altersvorsorge, der Gesundheitsabsicherung, der Bildung, des Wohnungsmarktes, im Verbund mit einer Erziehung zur sozialen Dummheit und zum intersocial enactment liegt das Problem. Zur Erläuterung dieser sozialen Dummheit: Wenn in Italien ein Maffiaopfer zu beklagen ist, hört man in der Bevölkerung, daß der Betreffende wohl etwas getan haben wird, das er nicht hätte tun sollen. Umsonst wird niemand umgebracht. Wenn jemand seine Arbeit verliert, wird wohl etwas vorgefallen sein oder er seine Arbeit nicht ordentlich gemacht haben. Wenn jemand nur noch als Leiharbeiter einen Job findet, wird er wohl nicht so doll sein. Wer vom Verlust des Arbeitsplatzes, des Vermögens oder des Ansehens verschont blieb, rechnet sich dies als Verdienst an, wobei er das Unglück derer, die ein solches Schicksal ereilte, ebenfalls für verdient erachtet. Er selbst war eben cleverer als die anderen. Dieser Mechanismus, demzufolge wir von dem Unglück und Mißgeschick des anderen profitieren, ist es, was Psychotherapeuten wie Coachingagenturen immensen Zulauf beschert. Er ist es auch, was für den Erfolg der Planungen zur Völkervernichtung gesorgt hat. Joseph Conrad nannte ihn sozialer Kanibalismus, Leo Tolstoi Klauen- und Krallen-Animalität, Ronald D. Laing nannte ihn „interpersonal enactment“. Er ist das, was die soziale Welt im Innersten zusammenhält, das nachdem Adorno sein Leben lang gesucht hat, der Kern der sozialen Existenz des Menschen in Spätkapitalismus und zugleich deren blinder Fleck, von dem alles abhängt, der sich aber selbst nicht fokussieren läßt. Davon profitiert der Neoliberalismus in allen seinen „postdemokratischen“ Maskierungen, weil die menschen ihre eigene Schizophrenisierung und Erpreßbarkeit nicht begreifen können. Vielleicht ist dies eine Aufgabe für die Piraten, die fröhlich auf der vermeintlichen, parteipolitisch befestigten Frontlinie herumturnen.
Dienstag, 8. Mai 2012