Anrufung und leidenschaftliche Anbindung
Zizek zur Erklärung der beiden Begriffe von Louis Althusser und Judith Butler gibt das Beispiel eines Theaterbesuchers, der als zu spät Kommender, der sich zu seinem Sitzplatz vorarbeitet, den Satz des Stückes „wer stört meine Stille?“ auf sich bezieht und sich lauthals bei dem Schauspieler entschuldigt, der ihn gesprochen hat. Immer, so Zizek, sei bei einer Anrufung ein Mißverständnis am Werk, immer sei unserer Wiedererkennen ein Verkennen, ein Akt, ins Lächerliche zu kippen, indem wir, uns geschmeichelt fühlend und prahlerisch den Platz des Adressaten einnehmen, der nicht wirklich der unsere ist. Ist es nicht aber so, so wendet Zizek selbst gegen sich ein, daß wir mehr denn je angerufen werden, ohne uns dessen wirklich bewußt zu sein? Die Anrufung erfolgt aufgrund von medizinischen, polizeilichen und ausbildungsgeschichtlichen und marktforschungstechnischen Daten, um deren Existenz wir nicht wissen, so daß die Anrufung ohne die Geste des Wiedererkennens des betroffenen Subjekts funktioniert und unseren Platz im sozialen Raum bestimmt. Daß solche Akten existieren und im Umlauf sind, merken wir an der Unzahl von auf ein bestimmtes Konsumentenprofil zugeschnittener Spammail. Es kann auch passieren, daß tagtäglich jemand im Trenchcoat vor der Tür steht, der uns beobachtet, so wie es mir erging, weil ich in einer WG wohnte, in der auch zeitweise auch ein Mädchen wohnte, die entfernt mit Christoph Wackernagel verwandt war, was weder sie noch ich wußte, und weshalb meine Aufenthaltserlaubnis nicht unbefristet ausgestellt wurde, sondern ich sie alle vier Jahre erneuern mußte, obwohl ich in Deutschland geboren bin. Dennoch ist die philosophische Frage berechtigt, die Althusser stellt: auf welche Weise Individuen ihre Lebensbedingungen subjektivieren, sie sich selbst als subjekte erfahren, wobei ich meine, daß man dies nicht vermeiden, daß man darauf nicht verzichten kann. Wenn ich mich also, wie der Theaterbesucher, in etwas wiedererkenne, daß es gar nicht gibt, dann sagt Althusser, daß ich diesen Großen Anderen in dem Moment selbst erschaffe, konstituiere. Wenn ich meine Lage reflektieren will, dann reflektiere ich also zweierlei: Einerseits weiß ich in einer Art Paranoia , daß eine Akte existiert und die Runde macht, die meinen soziosymbolischen Status bestimmt, auch wenn ihr Inhalt faktisch unwahr ist, zu der ich keinen Zugang habe, in der aber gleichwohl mein Schicksal groß geschrieben steht. Andererseits weiß ich in einer Wahnkritik, daß die Weise, wie ich mich als Subjekt erfahre und meine Situation subjektiviere, illusionär und lächerlich, ich dabei meinem eigenen Narzißmus in Selbstüberhebung zum Opfer falle. Mit meinen leidenschaftlichen Anbindungen (passionate attachments) mach ich mich manipulierbar, beherrschbar, ausbeutbar, mach ich mich selbst zu dem, wie ich in den Begriffen des Großen Anderen definiert bin.
(vgl. Slavoj Zizek, Die Tücke des Subjekts)
Sonntag, 23. Oktober 2011